Verschuldungsampel springt auf Dunkelrot

Den meisten Deutschen geht es derzeit besser denn je. Sie verdienen gut und müssen auch nicht fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dennoch können immer weniger Menschen ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Der SchuldnerAtlas der Creditreform Wirtschaftsforschung registriert aktuell eine Überschuldungsquote von mehr als zehn Prozent. Das gab es zuletzt im Jahr 2008.

Deutsches Schifffahrtsmuseum, Klimahaus, Eisarena und natürlich der Fischereihafen mit seiner Gourmetmeile – Bremerhaven hat eine Menge zu bieten. Die „einzige deutsche Großstadt an der Nordsee“ trägt jedoch auch seit Jahren einen Titel, auf den sie wenig stolz ist: Sie gilt als die Kommune mit der höchsten Überschuldungsquote in Deutschland. Etwa jeder fünfte Bremerhavener über 18 Jahre kann seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Am anderen Ende der Skala, die Creditreform Wirtschaftsforschung, Microm und Creditreform Boniversum in jedem Herbst im Rahmen ihres aktuellen SchuldnerAtlas veröffentlichen, rangiert die bayerische Universitätsstadt Eichstätt. Dort gelten lediglich 3,79 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahre als überschuldet.


Regionale Anpassungen

Immerhin ist der Abstand zwischen Bremerhaven und Eichstätt zuletzt nicht größer geworden. Die Überschuldungsquoten haben sich sogar minimal angenähert. In der Stadt im Altmühltal waren zum Stichtag 1. Oktober 2016 geringfügig mehr Menschen (in Bezug zur Einwohnerzahl) überschuldet als zum gleichen Zeitpunkt 2015. Dagegen hat sich die Situation in der Kommune im nördlichen Elbe-Weser-Dreieck leicht entspannt. Damit bewegte sich Bremerhaven gegen den Trend, denn bundesweit hat sich die Überschuldungssituation zuletzt erneut zugespitzt. Und das zum dritten Mal in Folge und sogar noch deutlich stärker, als die Creditreform-Wirtschaftsforscher zwölf Monate zuvor prognostiziert hatten. Zum 1. Oktober 2016 weist der SchuldnerAtlas für die gesamte Bundesrepublik eine Verschuldungsquote von 10,06 Prozent aus – gegenüber 9,92 Prozent zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Damit sind mehr als 6,8 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet und weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf.

Das sind etwa 131.000 Personen mehr als zum Stichtag 1. Oktober 2015. Zwei Dinge machen die Entwicklung besonders brisant: zum einen der konjunkturelle Hintergrund, vor dem sich dieser Trend abspielt. Und zum anderen die Struktur der Überschuldungsfälle. Die wirtschaftliche Situation der meisten Deutschen ist derzeit besser denn je. Sie verdienen nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise hohen Tarifabschlüsse 2015 und 2016 ordentlich, und die Arbeitslosigkeit hat trotz Zuwanderung weiter abgenommen. Im September 2016 waren 2,608 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos; das waren 100.500 weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Nie zuvor in den vergangenen 25 Jahren hat es weniger Arbeitslose gegeben. Und ein fester Arbeitsplatz bildet nun einmal die wichtigste Grundlage, um nicht in einen Schuldenstrudel zu geraten.

„Somit sind die ansteigenden Daten zur Überschuldungsentwicklung nochmals negativer zu bewerten als in den Vorjahren“, analysieren die Creditreform-Wirtschaftsforscher. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass der Anstieg der Überschuldungsfälle – wie immer seit 2012 – ausschließlich auf einer Zunahme der Fälle mit sogenannter hoher Überschuldungsintensität (plus 220.000 Fälle, plus 5,6 Prozent) beruht. Also Fällen, denen juristische Sachverhalte wie zum Beispiel eine eidesstattliche Versicherung zugrunde liegen und die oft mit höheren Schuldenvolumina verbunden sind. Dagegen hat die Zahl der Überschuldungsfälle mit geringer Intensität (vereinfacht: nachhaltige Zahlungsstörungen) zum vierten Mal in Folge abgenommen – um 89.000 Fälle (minus 3,2 Prozent). Die Autoren des SchuldnerAtlas führen das darauf zurück, „dass viele überschuldete Personen, die zunächst oft auch durch Konsumverschuldung verursachte nachhaltige Zahlungsstörungen aufwiesen, in eine anhaltende Überschuldungskrise geraten sind“. Anders formuliert: Für viele Verbraucher zeigt die Überschuldungsampel inzwischen dunkelrotes Licht.

Persönliche Krisen sprengen den Finanzrahmen

Woran liegt es, dass die Überschuldung auch in konjunkturell guten Zeiten zunimmt? Der SchuldnerAtlas nennt als Hauptauslöser „unplanbare und gravierende Änderungen der Lebensumstände“. Also: Erkrankung, Sucht, Unfall, Scheidung sowie Langzeitarbeitslosigkeit und dauerhafte Einkommensarmut. Dagegen haben Auslöser wie „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ oder „überzogener Konsum“ an Bedeutung verloren. Sie bilden allerdings häufig den Einstieg in eine Überschuldungsspirale.

Verstärkt hat sich zuletzt der Trend zur Altersüberschuldung. Immer mehr Menschen jenseits der 60 können ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Die entsprechenden Verschuldungsquoten sind zwar noch sehr viel niedriger als in anderen Altersgruppen. Aber die Steigerungsraten sind überdurchschnittlich hoch. So hat die Zahl überschuldeter über 70-Jähriger zuletzt um 16 Prozent auf 174.000 zugenommen. In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen registrierten die Wirtschaftsforscher ein Plus von sieben Prozent oder 33.000 Fällen auf 504.000 Fälle. Dagegen hat die Zahl jüngerer Personen, die in der Schuldenfalle stecken, seit Herbst 2015 abgenommen. Bei den unter 30-Jährigen betrug das Minus 1,7 Prozent (minus 28.000 Fälle auf nun 1,66 Millionen Fälle). Jungen Überschuldeten gelingt es oft schneller, einer möglichen Überschuldungsspirale zu entkommen. Die Gründe: Sie verfügen meist über weniger Gläubiger und ihr Schuldenvolumen ist niedriger als bei älteren Personen. Unter regionalen Gesichtspunkten zeigt sich ein unverändertes Bild: Der Süden Deutschlands weist deutlich niedrigere Schuldenquoten auf als der Norden, und der Westen bildet weiterhin das Schlusslicht.

Gute Rahmenbedingungen – höhere Schuldenquoten

Ein stabiles Konjunkturklima, eine Arbeitslosenquote auf niedrigem Niveau und eine verlässliche Einkommenssituation der Haushalte. Allen positiven Merkmalen zum Trotz hat sich die Überschuldungssituation der Verbraucher in Deutschland nun zum wiederholten Mal in Folge verschlechtert. Und sogar stärker, als im vergangenen Jahr noch befürchtet wurde.

Text: Stefan Weber
Quelle: Creditreform Magazin

© 2017 Creditreform Leipzig Niedenzu KG

Kontakt

allgemeineskontaktformular

Allgemeines Kontaktformular
Kontakt